Was wir an der FDJ hatten
Gedanken zum 80. Geburtstag der Freien Deutschen Jugend
Von Hartmut König. „RotFuchs“ 03/2026
Es war Pfingstsonnabend 1946, als Hermann Axen gegen 9 Uhr das I. Parlament der FDJ in Brandenburg an der Havel eröffnete. „Zum ersten Mal“, sagte er, träfen sich Vertreter der verschiedenen Schichten und Gruppen der deutschen Jugend, die einer politischen Richtung oder einer religiösen Weltanschauung angehören und „ihren gemeinsamen Willen zum Aufbau unseres Vaterlandes bekunden.“ Dieses „zum ersten Mal“ meinte, dass der gemeinsame Weg zum Parlament nicht gradlinig war. Er musste manchen Widerstand und eigene Pläne klerikaler und bürgerlicher Kräfte passieren, ehe er im Konsens als ein ultimatives Gebot der Zeit akzeptiert war. Die Nachkriegsmisere drängte auf diese Einigung.
Die materielle und geistige Situation der jungen Generation vor Augen, sahen sich die beiden Arbeiterparteien frühzeitig vor eine besondere Verantwortung gestellt. Mit dem Placet der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland (SMAD) bildeten sich auf örtlicher, regionaler und zentraler Ebene antifaschistische Jugendausschüsse, um den Heranwachsenden Orientierung für den Aufbruch in ein neues Leben und für die dringendsten Aufgaben beim Wiederaufbau zu geben. Sie riefen zur Enttrümmerung, zur Instandsetzung von Betrieben, zur Bergung der Ernte, zur Sicherung energetischer Grundlagen oder zur Sanierung der lebensnotwendigsten Infrastruktur auf. Noch im Sommer 1945 waren auch erste Kindergruppen gebildet worden. Die Jugendausschüsse bemühten sich, den Kindern und Jugendlichen etwas Freude bei Sport und Spiel zu bieten. Ferienlager wurden organisiert und gaben besonders elternlos gewordenen Kindern etwas Halt und Geborgenheit. Die sinnvolle Arbeit in solchen Gemeinschaften war am ehesten geeignet, die Hirne der faschistisch traumatisierten jungen Generation zu entgiften. In den Jugendausschüssen wuchs die Idee, einen einheitlichen, überparteilichen Jugendverband zu gründen. Einzelne Gruppen nannten sich bereits „Freie Deutsche Jugend“, bevor sich der Zentrale Antifaschistische Jugendausschuss am 26. Februar 1946 mit der Bitte an die SMAD wandte, eine Jugendorganisation mit dieser Ausrichtung und unter diesem Namen zuzulassen. Die sowjetischen Besatzungsbehörden genehmigten den Antrag am 7. März 1946, der seitdem als Gründungstag der Freien Deutschen Jugend gilt.
Vor den Debatten gedachten die 633 Delegierten des I. Parlaments jener jungen Deutschen, die im Kampf gegen die faschistische Tyrannei ihr Leben gelassen hatten. Namen wurden aufgerufen, nach denen alsbald Straßen und Plätze benannt wurden: Artur Becker, Hans und Sophie Scholl, Rudi Arndt… Mit ihnen war die Erinnerung an alle Kämpfer vieler Nationen wach, die in den Zuchthäusern und KZ-Lagern ihren antifaschistischen Widerstand mit dem Leben bezahlt hatten. Aber auch das Elend der großen Zahl junger Deutscher, die, „irregeleitet und in ihren besten Idealen missbraucht“ (Axen), für verbrecherische Ziele auf dem Schlachtfeld verbluteten, sollte Mahnung sein, jedes künftige Aufbegehren von Faschismus und Völkermord im Keim zu ersticken. Dieser Geist verstand sich auch als Versprechen an die „Jugend der Vereinten Nationen“. Das war der bereits 1945 auf Anregung des Jugendrates der Alliierten in London gegründete „Weltbund der Demokratischen Jugend“. Ihm wollte man so bald wie möglich beitreten.
Brandenburgs Oberbürgermeister Fritz Lange begann seine Begrüßungsrede auf dem Parlament mit einem Gag: „Als erstes muss ich das tun, was gewöhnlich jeder Jugendliche in Deutschland tut, nämlich protestieren. Ich bin nicht Doktor.“ Versammlungsleiter Axen hatte ihn irrtümlich so bezeichnet und schaufelte die Heiterkeit auf seine Seite, als er ihn kurzerhand zum „Ehrendoktor der deutschen Jugend“ erklärte. Der OB der Havelstadt erbat „mildernde Umstände“ für alle Unannehmlichkeiten wegen der noch nicht beseitigten Kriegsschäden, um dann auf das nötige Umdenken seiner eigenen Generation zu verweisen. „Lernen, lernen und nochmals lernen!“ – dieser Grundsatz der deutschen Jugend gelte auch für die Älteren „Denn auch wir sind Anfänger, auch wir müssen von vorn beginnen. Wir wissen, dass wir ohne die Jugend an einen Wiederaufbau überhaupt nicht denken können.“
Oberst Tulpanow, als Vertreter der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland, verwies auf das Unheil, das „Rassentheorie, der preußische reaktionäre Untertanengeist, ein viehischer Chauvinismus“ im Denken und Handeln der deutschen Jugend angerichtet hatten, bemerkte aber, dass für die Rückbesinnung auf die Humanität ein reiches Fundament vorliege. „Ihr müsst euch die deutsche Kultur wieder nahebringen. In erster Linie sind hier zu nennen die großen Humanisten, die großen Menschen, die für die Demokratie, für die Wissenschaft, für den Progress kämpften.“ Zu den Delegierten sprachen auch der damalige Oberbürgermeister Berlins, Dr. Werner, für die SED Otto Grotewohl, Bürgermeister Will für den Hauptvorstand der CDU und als FDGB-Vorsitzender Hans Jendretzki. Überbracht wurde auch eine Grußbotschaft des LDPD-Vorsitzenden Dr. Külz.
Auf der Sitzung am Samstagnachmittag redete Erich Honecker. Von den Nazis zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt, war er nahe dem Tagungsort, in Brandenburg-Görden, inhaftiert gewesen. Nun erneuerte er Tulpanows Aufforderung, sich auf die eigenen nationalen Werte zu besinnen. „Unser Kampf gegen die nazistische Terrorherrschaft“, sagte er, „schöpfte seine Kraft zum Widerstand aus der Liebe zu unserem Volk.“ Das sei auch das Motiv gewesen, als junge Deutsche auf spanischer Erde in den Internationalen Brigaden kämpften. Beim bevorstehenden Volksentscheid in Sachsen müsse nun ein vernichtendes Wort über die Hauptschuldigen und Profiteure am zweiten Weltkrieg gesprochen werden. Er bedauerte, dass das aktive Wahlrecht auf 21 Jahre festgesetzt blieb, während die FDJ dessen Herabsetzung auf 18 Jahre forderte. Honecker begründete die Rechte, die der Jugend bei ihrem Anteil am Wiederaufbau Deutschlands zugestanden werden müssten: die (hier noch vage definierten) politischen Rechte, das Recht auf Arbeit und Erholung, das Recht auf Bildung, das Recht auf Freude und Frohsinn. Die Stärke der FDJ, meinte er, läge in ihrem überparteilichen Charakter. Er sei dem System vieler, zersplitterter Jugendorganisationen überlegen. Eine Aussage, die auf dem Parlament angesichts der geschichtlichen Lehren kein Streitpunkt mehr war, wenn auch Jugendpfarrer Hanisch bereits von Kräften sprach, die die Zusammenarbeit mit den konfessionell gebundenen Jugendlichen nicht wünschten. Dass der Gründungsgedanke von einer breiten, nicht parteigebundenen, gleichwohl dem antifaschistischen Geist und dem gesellschaftlichen Fortschritt zugewandten einheitlichen Jugendorganisation einer stets enger werdenden politisch-weltanschaulichen und organisatorischen Bindung an die Führungspartei wich, führte zu frühen Auseinandersetzungen in FDJ-Leitungsgremien und zur Umorientierung von Mitgliedern und Funktionären, deren Namen man später im westdeutschen Polit-Establishment wiederfand. Andererseits war in der aus KPD und SPD vereinigten SED der Wille zur Aufarbeitung der imperialistischen Kriegsschuld und zum antifaschistischen Neubeginn am konsequentesten. Dieser Geist des Zupackens und des alternativen Gestaltenwollens, die Entschlossenheit beim Enttrümmern der Landschaften und Hirne wurde selbst für jenen Teil der Jugend anziehend, der sich zunächst nur zögerlich von dem eingeimpften faschistischen Ideenbazillus lösen konnte. Die Suchenden aufzunehmen, war ein unabweisliches Gebot des Neubeginns. Zu unterstellen, „eine Konsequenz dieses Nach-vorn-Blickens“ sei es gewesen, „auf eine substanzielle geistige Auseinandersetzung mit der Jugend und den Inhalten des Nazismus (Rassismus, Nationalismus) für immer (sic!) weitgehend zu verzichten“ (Eberhard Aurich, 2019), ignoriert jenen Gutteil antifaschistischer Prägungen, den Bildungsarbeit in der DDR zu aller Zeit mit Erfolg anstrebte.
Mit der einmütigen Wahl Erich Honeckers zum Vorsitzenden fand auf dem I. Parlament der Gründungsprozess der FDJ seinen Abschluss. In den Zentralrat wurden 62 Mitglieder aus der sowjetischen Besatzungszone gewählt. Da die drei westlichen Siegermächte den gesamtdeutschen Zusammenschluss der FDJ blockierten, wurden im Zentralrat 30 Plätze für die zukünftige Mitarbeit junger Westdeutscher freigehalten. Drei Monate nach ihrer Gründung waren der FDJ bereits 240 000 Jugendliche aus der sowjetischen Besatzungszone beigetreten – mehr als ein Zehntel der ostdeutschen Jugendlichen im Alter von 14 bis 25 Jahren. Anfang 1948 gehörten der FDJ dann schon über eine halbe Million Mitglieder an. Sie war zu einer einflussreichen Massenorganisation geworden. Jenseits der Elbe wurde die Arbeit der FDJ von den westalliierten Besatzungsmächten weiterhin nach Kräften behindert.
In Ostdeutschland hatten FDJler engagiert beim Wiederaufbau geholfen, auf dem ersten Jungaktivistenkongress in Zeitz über die Steigerung der Produktion beraten, sich auf sowjetische Traktoren gesetzt, um die Landwirtschaft zu effektivieren, eine Wasserleitung zur volkswirtschaftlich bedeutsamen „Maxhütte“ gebaut. Ihr wichtigstes mediales Podium fanden sie in der Zeitung „Junge Welt“, die seit dem 12. Februar 1947 erschien. Sie druckte erstmals das von Bertolt Brecht und Paul Dessau geschaffene „Aufbaulied der FDJ“. Dessen Aufforderung „Fort mit den Trümmern, und was Neues hingebaut!“ aus so prominenter Feder war ein veritabler Weckruf, beherzt anzupacken und der eigenen Kraft zu vertrauen. Denn: „Um uns selber müssen wir uns selber kümmern, und heraus gegen uns, wer sich traut!“ Offensiver gings nicht.
Im Sommer 1947 besuchte eine FDJ-Abordnung unter Leitung von Erich Honecker als erste deutsche Jugenddelegation nach Kriegsende die Sowjetunion und präsentierte sich deren Völkern als Vertretung einer neuen, umdenkenden, antifaschistischen jungen Generation des einstigen Aggressors. Der „Friedensflug nach Osten“, der neben Moskau in das von den hitlerdeutschen Besatzern ausgehungerte Leningrad und nach Stalingrad, in die Wendestadt des Zweiten Weltkrieges, führte, war auch international stark beachtet worden. Die FDJ wurde in die Gemeinschaft der demokratischen Weltjugend aufgenommen. So reisten im August 1949 bereits 750 Delegierte mit einem von Jungaktivisten des Reichsbahnausbesserungswerkes Dresden gebauten Zug zu den II. Weltfestspielen der Jugend und Studenten nach Budapest. Wochen später wurde die DDR gegründet.
Stets verband die FDJ im Osten eine starke Solidarität mit ihren Gleichgesinnten im Westen, wo die FDJ 1951 von der Adenauer-Regierung verboten wurde. Neben der KPD und weiteren Friedenskräften hatte sie energischen Widerstand gegen die westdeutschen Remilitarisierungspläne geleistet. Bei 70.000 Befragungsaktionen hatten sich fast 95 Prozent der über 6 Millionen Kontaktierten gegen die Wiederbewaffnung und für den Abschluss eines Friedensvertrages ausgesprochen. Die sich als Teil der Friedensbewegung verstehenden Jugendverbände konnten sich also auf ein großes Verständnis in der westdeutschen Bevölkerung stützen, als sie im Mai 1952 zu einer Demonstration nach Essen riefen. Tausende junge Menschen waren gekommen. Die Polizei ging mit äußerster Brutalität vor und erschoss den 21jährigen Münchener Eisenbahner Philipp Müller, Gewerkschafter und Mitglied der KPD sowie der FDJ. In der DDR wurden nach ihm FDJ-Einrichtungen benannt, und Jugendkollektive gaben sich seinen Namen.
Die Geschichte der FDJ auf sozialistischem deutschem Boden zu erzählen oder gar all die Impulse nachzufühlen, die wohl die meisten DDR-Bürger durch den Jugendverband erhielten, überstiege die Fasson eines erinnernden Essays. Möge jeder seine eigenen Erinnerungen aufrufen und seine Lebensgeschichte befragen, was er an „seiner“ FDJ besaß und auch, was ihm manchmal fehlte. Ich selbst hatte der noch reichlich im westdeutschen Konservatismus verhafteten Kirche Ade gesagt. War in Richtung FDJ ausgebüxt, weil ich sie als Frucht eines konsequenten antifaschistischen Wandels begriff. Sie war zum Zentrum der jungen Generation eines Landes geworden, das aus der Ausbeutungs- und Kriegslust des Imperialismus die richtigen Lehren gezogen hatte und wo die gesellschaftliche Wirklichkeit allen Kindern des Volkes gleiche Zukunftschancen eröffnete. Auch der FDJ-Gruß „Freundschaft“, wenn man seine Bedeutung vor die gelegentlich rituelle Benutzung stellte, hatte eine schöne Anmutung. Ich hörte Freunde und Lehrer, darunter Genossen, die Nazi-Torturen überlebt hatten oder aus dem Exil in den Osten Deutschlands zurückgekehrt waren, „Freundschaft, Hartmut!“ sagen, und es bedeutete mir viel.
Vier Jahrzehnte FDJ in der DDR, das war ein Geflecht von Möglichkeiten, sich am Aufbau der neuen Gesellschaft zu beteiligen. Politisch durch Mitsprache, wie sie durch mehrere Jugendgesetze, das erste war bereits 1950 von der Volkskammer beschlossen worden – oder durch das von Walter Ulbricht initiierte Jugendkommuniqué von 1963 angeregt und garantiert wurde. Auch hatte die FDJ eine eigene Fraktion in der Volkskammer. Sich ökonomisch einzureihen, gelang faktisch überall. In Jugendbrigaden, bei Altstoffsammlungen, als Neuerer in den „Messen der Meister von morgen“ oder in jungen Forscherkollektiven. Nicht zu vergessen die Jugendobjekte an Brennpunkten der Volkswirtschaft wie in Rostock, Schwedt, Buna, Sosa, Unterwellenborn, Trattendorf, Berlin oder in den Meliorationsgebieten. Oder denken wir an die ehrgeizigen Trassenprojekte zur Energieversorgung im RGW. Für das Leben, für Lehre, Studium und Beruf gut gerüstet durch ein international anerkanntes, polytechnisch orientiertes Bildungssystem, das bis in die höchsten Bildungsstufen hinein nicht nach dem Geldbeutel der Eltern fragte und keine PISA-Schelte zu befürchten gehabt hätte, schufen sich junge Leute ihre Zukunftsaussichten ohne soziale Not und Angst vor drohender Arbeitslosigkeit. Junge Familien genossen den Schutz und die Förderung des Staates. Kulturelle Horizonte erschlossen sich durch ein Netz von Jugendklubs, das sogar die Bedürfnisse der Schichtarbeiter berücksichtigte, durch Betätigungsmöglichkeiten in buchstäblich allen Genres der Kunst, darunter auch in Spitzenensembles wie dem FDJ-Sinfonieorchester der Hochschulen für Musik, durch z.T. erstklassige nationale und internationale Kunsterlebnisse zu erschwinglichen Preisen, aber auch durch vielfältige Begegnungen mit Künstlern und ihren Werken. Der nach dem Deutschlandtreffen 1964 fest installierte Sender DT64 bot junger Kunst, vor allem auch aus dem Rock- und Pop-Bereich oder der Singebewegung, ein aktuelles Podium. Manche Songs, damals ins Ohr gesetzt, waren und blieben eine Schallfolie für das Lebensgefühl und die Gedankenwelt ihrer Hörer zu DDR-Zeiten. Die vom Jugendverband und dem Oktoberklub veranstalteten Festivals des politischen Liedes demonstrierten den internationalistischen Charakter der FDJ. In der Solidarität mit den um ihre nationale und soziale Befreiung kämpfenden Völkern spielte sie eine exponierte Rolle. Als Mitglied des WBDJ und des Internationalen Studentenbundes (ISB) nahm die FDJ seit Budapest nicht nur an allen Festivals der Jugend und Studenten teil, sondern richtete selbst die III. (1951) und X. Weltfestspiele (1973) in der DDR-Hauptstadt aus. 1970 beteiligte sie sich an der Weltjugendkonferenz der Vereinten Nationen in New York – zu einer Zeit, als die beiden deutschen Staaten noch gar keine UNO-Mitglieder waren. Seit 1964 hatte die FDJ ihre „Brigaden der Freundschaft“ – das waren Gruppen junger Entwicklungshelfer im Blauhemd – in über 15 Länder der Erde entsandt. Legendär war die Förderung des Breiten- und Spitzensportes in der DDR. Sie schuf nicht nur schöne Freizeiterlebnisse im Alltag, sondern machte die Begabtesten ohne Ansehen der elterlichen Finanzen zu Europa- und Weltmeistern. Noch heute kennt man deren Namen auf allen Kontinenten.
Das und manches mehr gehörte zum Spektrum der FDJ-Lebens. Viele von uns werden sich an ihren Teil daraus gern erinnern. Aber jedes souveräne Nachdenken über künftige Chancen einer freien deutschen Jugend zu Zeiten einer sozialistischen Renaissance gebietet auch eine kritische und selbstkritische Rückschau. Nicht selten wurde der FDJ-Alltag eben auch als ritualisiert, organisatorisch vorgegeben erlebt, nicht als spannendes Feld individueller Sinnsuche in einer geschichtlich neuen, potenziell zur Selbstverwirklichung herausfordernden Formation der Gesellschaft. Blauhemden wurden anlässlich übergestreift, Losungen kamen aus den Werkstätten der Agitationsmittelproduktion. Demonstrationsformen wie Fackelzüge waren irgendwann nur noch „alte Mode“, und Begriffe wie „FDJ-Aufgebot“ kitzelten keine jugendliche Zunge. Literarische und andere künstlerische Wortmeldungen junger Leute wurden nicht nach ihren Fingerzeigen auf Fehlentwicklungen und diskutablen Lösungsansätzen befragt, sondern nach ihrem Zustimmungsgrad zur Tagespolitik. Als gegen Ende der DDR Kritiken an der Arbeitsweise des Jugendverbandes lauter wurden, waren es Forderungen, die in vielen Bereichen der Gesellschaft, auch innerhalb der SED, erhoben wurden. Demokratiedefizite mussten abgebaut, Dialogschwäche bei der Begegnung mit Andersdenkenden ausgemerzt werden (wobei auch die einst proklamierte Überparteilichkeit der FDJ wieder zur Sprache kam). Kritische Ideen, die erkennbar zur Optimierung der gesellschaftlichen Entwicklung beitragen wollten, sollten nicht länger ausgegrenzt, sondern mit politischer Sensibilität aufgegriffen werden.
Die FDJ bemühte sich, darauf mit besorgten Zustandsbeschreibungen und Vorschlägen zu reagieren. Eberhard Aurich als 1. Sekretär des Zentralrates der FDJ, Wilfried Poßner als Vorsitzender der Pionierorganisation „Ernst Thälmann“ sowie Gerd Schulz, Abteilungsleiter Jugend im ZK der SED, hatten, gestützt auf Erkenntnisse des Leipziger ZentraIinstituts für Jugendforschung, des Amtes für Jugendfragen beim Ministerrat der DDR und der Generaldirektion des Jugendreisebüros der FDJ „Jugendtourist“ eine Analyse über die unzufriedene Stimmung unter der Jugend erarbeitet. Sie schickten sie im Einverständnis mit Egon Krenz zur Behandlung im Politbüro am 9. Oktober 1989 direkt an Erich Honecker, der den Text empört als „größten Angriff der FDJ auf die Parteiführung seit 1949“ verwarf. Immerhin enthielt der Bericht Sätze wie: „Breite Kreise des FDJ-Aktivs und junge Genossen in der FDJ sind stark verunsichert, können sich vor allem viele Fragen unserer inneren Entwicklung und den Umgang damit durch die Partei- und Staatsführung nicht mehr erklären.“ Jochen Willerding, damals internationaler Sekretär des FDJ-Zentralrates und ich, schon ins Kulturministerium umgezogen, aber dem Zentralrat noch immer eng verbunden, teilten den Geist der FDJ-Vorlage. Auch hatte uns die krude Denkweise verstört, die Erich Honecker in einen ND-Kommentar zur Ausreisewelle von DDR-Bürgern hineinformuliert hatte. Die Flüchtlinge gen Westen hätten „sich selbst aus unserer Gesellschaft ausgegrenzt. Man sollte ihnen keine Träne nachweinen“. Wir fanden das zynisch und forderten den Generalsekretär in einem gemeinsamen Brief auf, innerhalb der nächsten zwei Wochen eine Tagung des ZK einzuberufen, die die entstandene Lage mit gebotenem Ernst analysiert. Überdies hatte die FDJ-Zeitung „Junge Welt“ in ihrer Berichterstattung von den Feierlichkeiten zum 7. Oktober auf die üblichen Protokollbilder der Parteiführung verzichtet und dafür einen nachdenklich-kritischen Offenen Brief des Schriftstellers Hermann Kant veröffentlicht. Die FDJ wollte eine Debatte über die Zukunft der Gesellschaft und damit auch über ihre eigene anstoßen. Aber ihre Einsprüche kamen zu spät und drangen außerdem zu wenig an die Basis durch.
Aus allem ist zu lernen. Wir müssen unsere Geschichte aus den Errungenschaften wie den Fehlern erklären. Und wir als ehemalige Funktionäre vornweg! Das sollte sich lohnen. Denn Nach-Denken, ganz im Wortsinn verstanden, kann dem Vorausdenken künftiger Möglichkeiten auf die Sprünge helfen. In dem Gesellschaftslabor Sozialismus ist uns aus äußeren und inneren Gründen ein dauerhafter Durchbruch noch versagt geblieben. Aber auf Zeiten folgen Zeiten. Warten wir die Zukunft ab! Tätig natürlich, kämpferisch, kraftgebende Erinnerungen im Kopf. Die Habenseite der FDJ bleibt ermutigend, ihre materiellen und ideellen Werte sind nicht erloschen. Von der Freien Deutschen Jugend, wie wir sie erlebt haben, ist ein Fundus zu erben, der Millionen junger Menschen etwas Aufrichtiges, Schönes, Bewahrenswertes für ihr Leben mitgegeben hat. Das Beste daraus stünde auch einer künftigen freien, sozialistischen Gesellschaft gut zu Gesicht.
Quelle: RotfFuchs, März 2026, 29. Jahrgang, Nr. 336, Seite 29 ff., www.rotfuchs.net, Beitragsbild entnommen aus dem Artikel, Titel: Plakat zu den X. Weltfestspielen der Jugend und Studenten 1973 in Berlin (bearbeitet).
