Vom revolutionären Kämpfer zur antifaschistischen Ikone –
und der Kampf um sein Erbe heute
Autor: Dipl.rer.Mil. Dipl.Ing. Klaus Koch
Genossinnen und Genossen, liebe Freundinnen und Freunde der revolutionären Arbeiterbewegung,
vor 140 Jahren, am 16. April 1886, wurde in Hamburg ein Mann geboren, der wie kein
zweiter für den unversöhnlichen Klassenkampf der deutschen Proletarier steht:
Ernst Thälmann.
Wir gedenken seiner nicht aus bloßer historischer Anteilnahme. Wir rufen sein
Vermächtnis in einer Zeit wach, in der der Faschismus in der Bundesrepublik
Deutschland wieder erstarkt – gestützt von denselben Monopolkapitalisten, die einst
Hitler an die Macht brachten. Während der Staat der BRD den 140. Geburtstag
Thälmanns geflissentlich ignoriert, während seine Denkmäler geschändet und seine
Gedenkstätten dem Verfall preisgegeben werden, ist es unsere Pflicht, das Banner des
Antifaschismus umso höher zu halten.
Ich möchte Ihnen heute zeigen: Ernst Thälmann war nicht nur ein historischer Führer der
Kommunistischen Partei Deutschlands. Er ist der lebendige Beweis dafür, dass die
Arbeiterklasse, wenn sie sich eine revolutionäre Partei gibt, unbesiegbar ist. Und sein
Erbe ist heute – angesichts der profaschistischen Politik der BRD – aktueller denn je.
Um Thälmanns Größe zu begreifen, müssen wir seine Wurzeln verstehen. Er war nicht
irgendein Funktionär – er war einer von uns. Geboren als Sohn eines Kutschers, wuchs er
im Elend der Hamburger Arbeiterquartiere auf. Schon als Jugendlicher ging er in den
Hafen, lernte die Knüppelei der Polizei bei Streiks kennen, erlebte die Ausbeutung in
ihrer brutalsten Form.
1903 trat er in die SPD ein – die damals noch Massenpartei der Arbeiter war. Doch der
Erste Weltkrieg offenbarte den Verrat der Sozialdemokratie. Während die SPD-Führung
die Kriegskredite bewilligte, während sie die Arbeiter in den Massenmord trieb, stand
Thälmann an der Front. Er erlebte das Grauen des imperialistischen Krieges – und zog
die einzig richtige Schlussfolgerung: Der Kapitalismus muss nicht reformiert, sondern
gestürzt werden.
1918 trat er in die USPD ein, 1920 dann in die Kommunistische Partei Deutschlands. Er
war nun kein einfacher Arbeiter mehr – er war ein Revolutionär. Bereits 1919 wurde er in
die Hamburger Bürgerschaft gewählt. Was ihn auszeichnete, war nicht allein seine
rhetorische Begabung, sondern seine unmittelbare Verbindung zu den Massen. Leo
Trotzki, der ihn 1921 in Hamburg traf, urteilte: Thälmann habe eine „sehr gute Fühlung
mit den Massen“.
Genossinnen und Genossen, hier liegt die erste Lehre:
Der Revolutionär wächst aus der Klasse. Er ist kein Außenstehender, er ist ihr bester
Sohn.
1925 übernahm Thälmann den Vorsitz der KPD – in der schärfsten Phase der
Klassenauseinandersetzungen der Weimarer Republik. Die Partei stand vor der Aufgabe,
sich in eine Partei neuen Typs zu verwandeln:
diszipliniert, zentralistisch, unerschütterlich im Bündnis mit der Sowjetunion.
Thälmann stellte sich zweimal – 1925 und 1932 – der Reichspräsidentschaftswahl. 1,9
Millionen Stimmen 1925, fast 5 Millionen 1932. Das war kein bloßer Wahlkampf – das
war der Aufmarsch des revolutionären Proletariats gegen das System des Kapitals.
Und gegen wen richtete sich dieser Kampf? Gegen die Bourgeoisie, aber auch gegen die
Sozialdemokratie. Heute wird die sogenannte Sozialfaschismusthese oft verzerrt
dargestellt. Dabei war sie eine nüchterne Analyse: Die SPD, die in den Räten 1918/19 die
Revolution niederschießen ließ, die den Klassenkompromiss predigte, während der
Faschismus wuchs – sie war der gemäßigte Flügel des Faschismus. Thälmann sagte
klar: „Die Sozialdemokratie ist der gemäßigte Flügel des Faschismus.“ Denn indem sie die
Arbeiter in den reformistischen Traum einlullte, bereitete sie den Weg für Hitler.
Gleichzeitig baute Thälmann den Roten Frontkämpferbund auf – die bewaffnete
Selbstorganisation der Arbeiterklasse. Der RFB war nicht irgendein Sportverein. Er war
der militante Arm des Proletariats, bereit, den Faschisten auf der Straße
entgegenzutreten.
Am 30. Januar 1933 übergaben Hindenburg und die Schwerindustriellen die Macht an
Hitler. Elf Tage später, am 3. März 1933, fiel die Gestapo in Thälmanns Wohnung ein. Er
wurde verhaftet – und sollte bis zu seinem Tod nicht mehr freikommen.
Elf Jahre Einzelhaft. Elf Jahre in den Kellern der Gestapo, im Zuchthaus, schließlich im KZ
Buchenwald. Aber Thälmann brach nicht. Seine Briefe an seine Frau Rosa und an seine
Genossen sind Dokumente proletarischer Standhaftigkeit. In einem seiner letzten Briefe
schrieb er 1937: „Eine vollwertige Ehegemeinschaft erfordert diese gegenseitige treue
Verbindung; indem die Frau dem Manne Gefährtin, Streitgefährtin in seinem
Lebenskampfe sein muss.“ – hier spricht nicht nur der Kämpfer, sondern auch der
Mensch. Aber ein Mensch, der wusste, wofür er litt.
Am 18. August 1944, als die Rote Armee bereits im Vormarsch war, gab Hitler persönlich
den Befehl zur Ermordung Thälmanns. Im Krematorium von Buchenwald wurde er
verbrannt.
Genossinnen und Genossen, Thälmann starb nicht als Opfer eines Schicksals. Er fiel als
Soldat der proletarischen Revolution. Sein Tod ist Anklage gegen das deutsche
Monopolkapital, das Hitler an die Macht brachte, ihn finanzierte und bis zum Ende
stützte.
Nach der Befreiung vom Faschismus durch die ruhmreiche Rote Armee und den
antifaschistischen Widerstand entstand auf deutschem Boden der erste sozialistische
Staat: die DDR. Hier wurde Thälmann nicht vergessen.
Die SED, die in der Tradition der KPD stand, machte Thälmann zur Identifikationsfigur
der Jugend. Millionen Kinder trugen den Namen Thälmanns als Pioniere, sie
schworen: „Ich bereite mich vor, nach den Lehren von Ernst Thälmann zu kämpfen und zu
arbeiten.“ Die DEFA drehte mit den Filmen „Ernst Thälmann – Sohn seiner
Klasse“ und „Ernst Thälmann – Führer seiner Klasse“ zwei monumentale Werke, die bis
heute unübertroffen sind in ihrer Darstellung des proletarischen Kampfes.
Das Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED edierte Thälmanns Werke,
erforschte sein Leben und machte sein Erbe für die Wissenschaft zugänglich. In Berlin Prenzlauer Berg entstand ein Denkmal von überwältigender Kraft: Thälmann, umgeben
von seinen Kämpfern, den Blick nach vorn gerichtet.
In der DDR war Thälmann lebendig. Er war das Bindeglied zwischen der KPD der
Weimarer Republik und dem sozialistischen Aufbau. Das war unerträglich für den
Klassenfeind im Westen.
Nach der Konterrevolution von 1989/90, nach dem Verrat an der DDR durch ihre
eigenen Verräter, begann die systematische Zerstörung des Thälmann-Erbes. Aber
lassen Sie mich klar sagen: Was heute geschieht, ist kein zufälliger Vandalismus. Es ist
Politik.
Nehmen Sie die Thälmann-Gedenkstätte in Berlin-Niederlehme. Dort, in einem
Waldstück, liegt die letzte Ruhestätte der Familie Thälmann – und die Stelle, an der Ernst
Thälmanns Urne beigesetzt wurde. Was finden wir heute? Schändung, Verfall,
Verwilderung. Der Staat der BRD lässt bewusst verrotten, was ihm ein Dorn im Auge ist.
Eine Gedenkstätte für den größten deutschen Antifaschisten – sie wird dem Vergessen
anheimgegeben.
Nehmen Sie das Thälmann-Denkmal in Prenzlauer Berg. Kaum war die DDR
zerschlagen, begannen die Debatten: Soll es umbenannt werden? Soll es abgerissen
werden? Bisher steht es noch – unter Druck. Und überall in der ehemaligen DDR
verschwinden Thälmann-Namen aus Schulen, Straßen, Betrieben. Es ist eine
systematische Säuberung der Geschichte.
Doch damit nicht genug. Denn die Schändung des Thälmann-Erbes ist nur ein Teil einer
größeren Kontinuität – der profaschistischen Politik der Bundesrepublik.
Diese Kontinuität beginnt 1949 mit der Gründung der BRD unter Konrad Adenauer.
Adenauer, der seinen Staatssekretär Hans Globke nicht nur beschäftigte, sondern
schützte – jenen Globke, der den Kommentar zu den Nürnberger Rassegesetzen verfasst
hatte. In der jungen BRD fanden Hunderte, ja Tausende ehemalige NS-Funktionäre
Unterschlupf in Ministerien, Gerichten, der Polizei. Der Staat war von Anfang an nicht
antifaschistisch, sondern restaurativ.
1956 verbot das Bundesverfassungsgericht die KPD. Die erste große antifaschistische
Partei wurde verboten, während Organisationen von ehemaligen NSDAP-Mitgliedern
ungestört agieren konnten. 1972 folgte der Radikalenerlass – die Berufsverbote.
Zehntausende Kommunisten und linke Sozialdemokraten wurden aus dem öffentlichen
Dienst geworfen. Nicht weil sie Straftaten begangen hätten, sondern weil sie ihrer
revolutionären Überzeugung treu blieben.
Und heute? Heute ist die AfD, die von Verfassungsschutzpräsidenten als gesichert
rechtsextrem eingestuft wird, die zweitstärkste Kraft in Umfragen. Neofaschistische
Netzwerke wie der „Flügel“ bereiten den Boden für eine faschistische Massenbewegung
vor. Gleichzeitig wird DIE LINKE – die Partei, die im Kern noch Teile des
antifaschistischen Erbes bewahrt – durch den Verfassungsschutz bespitzelt, durch das
Inlandsgeheimdienst überwacht.
Und die Aufrüstung? Deutschland rüstet wieder auf. Die Bundeswehr soll zur
„kriegstüchtigen“ Armee werden. Die NATO-Integration wird vertieft. Das deutsche
Monopolkapital bereitet sich auf neue Kriege vor – genau wie in den 1930er Jahren.
Genossinnen und Genossen, die Schändung der Thälmann-Denkmäler ist kein isolierter
Akt. Sie ist das Symbol dafür, dass der Klassenfeind das Erbe des Antifaschismus
auslöschen will. Aber er wird scheitern.
Was bleibt uns also zum 140. Geburtstag Ernst Thälmanns?
Die Aufgabe ist klar: Wir müssen das Thälmann-Erbe verteidigen – nicht als Museum,
sondern als Waffe.
Erstens: Die Thälmann-Gedenkstätten müssen erhalten werden. Nicht durch den Staat
der BRD – der wird sie weiter verrotten lassen. Sondern durch uns. Durch
antifaschistische Initiativen, durch Genossinnen und Genossen, die sich zusammentun,
um diese Stätten zu säubern, zu pflegen und wieder zu Zentren proletarischer Bildung
zu machen.
Zweitens: Wir müssen den Kampf gegen die profaschistische Politik der BRD verstärken.
Gegen Aufrüstung, gegen Sozialabbau, gegen die Überwachung von Kommunisten.
Jeder Angriff auf den Sozialstaat, jeder Einsatz der Bundeswehr im Ausland, jede Hetze
gegen Migranten – das ist derselbe Feind, gegen den Thälmann kämpfte.
Drittens: Wir müssen aus Thälmanns Leben die Lehre für heute ziehen: Die
Arbeiterklasse braucht eine revolutionäre Partei. Eine Partei neuen Typs, diszipliniert,
internationalistisch, unerschütterlich im Bündnis mit den Kämpfen der Völker weltweit.
Eine Partei, die nicht im Parlamentarismus aufgeht, sondern auf der Straße, in den
Fabriken, in den Stadtteilen präsent ist.
Thälmann sagte einmal: „Die Arbeiterklasse wird siegen, auch wenn sie vorher noch
manche Niederlage erleiden muss.“ Und an anderer Stelle: „Wir Kommunisten werden
niemals das Haupt senken. Und wenn sie uns zehnmal vor Gericht stellen, wir werden
immer und immer wieder den Mut haben, unsere revolutionäre Meinung zu sagen.“
Genossinnen und Genossen, der 140. Geburtstag Ernst Thälmanns ist kein Tag der
Trauer. Es ist ein Tag des Aufbruchs. Die Schändungen seiner Gedenkstätten sind kein
Ende – sie sind ein Weckruf.
Wir nehmen diesen Ruf an. Wir verteidigen das Erbe. Und wir kämpfen für die Sache, für
die Ernst Thälmann lebte und starb: für den Sozialismus, für die Befreiung der
Arbeiterklasse, für eine Welt ohne Ausbeutung und Krieg.
Das Erbe lebt – der Kampf geht weiter!
Anhang: Quellenverzeichnis (zur Vorbereitung)
• Ernst Thälmann: Reden und Aufsätze, Dietz Verlag Berlin (DDR), mehrere Bände.
• Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED: Ernst Thälmann – Eine
Biographie, Berlin 1980.
• Institut für Marxismus-Leninismus: Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung
in acht Bänden, Berlin 1966.
• Kurt Gossweiler: Die Rolle des Monopolkapitals bei der Machtübertragung an
Hitler, in: Beiträge zur Geschichte der Arbeiterbewegung, Berlin 1968.
• DEFA-Filme: Ernst Thälmann – Sohn seiner Klasse (1954) und Ernst Thälmann –
Führer seiner Klasse (1955), Regie: Kurt Maetzig.
• Leo Trotzki: Über Ernst Thälmann (1921), in: Leo Trotzki: Schriften zur deutschen
Revolution, Frankfurt 1971
