Sehr geehrte Vertreter der Russischen Botschaft,
liebe Nachfahren der Piloten Oberst Viktor Schandakow und Major Juri Wladimirow,
verehrte Mitglieder des Freundeskreises Fliegerehrenmal Syhra, sehr geehrte Bürgerinnen und
Bürger, liebe Anwesende, dorogie druzjá,
ich möchte mich herzlich dafür bedanken, dass ich anlässlich dieses bedeutenden 60. Jahrestages des
Gedenkens hier sprechen darf. Es ist mir eine Ehre, an diesem Ort der Erinnerung zu Ihnen zu
sprechen, um diesen zwei Helden meinen Respekt zu zollen.
Mein Name ist Anja Mewes. Ich spreche im Namen des Vorstandes und in meinem eigenen Namen
als stellvertretende Vorsitzende von ISOR e.V. und als Vorsitzende der Friedensglockengesellschaft
Berlin e.V. zu ihnen. Es ist für mich besonders bewegend, heute Nachfahren der beiden Piloten
erleben zu dürfen – Menschen, deren Familiengeschichte untrennbar mit diesem Ort verbunden ist.
Dass heute auch Vertreter der Russischen Botschaft anwesend sind, erfüllt mich mit tiefer
Dankbarkeit und Genugtuung – besonders in diesen Zeiten der zugespitzten Vermittlung eines
Feindbildes – dem Narrativ „Russland sei unser Feind“.
Liebe Anwesende,
Im Sommer 2026 hatten wir die Gelegenheit, mit einer kleinen Gruppe von Friedenswilligen
Kaliningrad, Moskau und St. Petersburg zu besuchen. Was wir dort erleben durften, stand in starkem
Kontrast zu dem hier gängig produzierten Feindbild – RUSSLAND´s – das man anscheinend wieder
benötigt, um ein ganzes Volk – das deutsche Volk – „kriegstüchtig“ zu machen. Im Gegensatz dazu
begegneten wir bei unserem Besuch in Russland keinerlei Ablehnung gegenüber uns Deutschen,
sondern einer zutiefst bewegenden Gastfreundschaft, Herzlichkeit und Offenheit. In vielen
Gesprächen und Begegnungen spürten wir eine Wärme, die uns wohltat und Mut machte – ein
eindrucksvolles Zeichen dafür, dass zwischen Menschen weit mehr möglich ist als zwischen
politischen Schlagzeilen vermittelt wird.
Liebe Anwesende,
Wir stehen auch deshalb heute hier, um ganz bewusst zwei sowjetische Militärflieger zu ehren
Major Juri Alexejewitsch Wladimirow (geb. 1931)
Oberst Viktor Nikolajewitsch Schandakow (geb. 1923),
die durch ihr selbstloses Handeln vor sechzig Jahren ihr Leben opferten, um viele Menschen –
Deutsche – in Syhra vor dem sicheren Tod zu bewahren.
Am 19. Oktober 1966 entschieden sie sich – in einem Moment höchster Gefahr – nicht für das eigene
Leben, sondern für die Sicherheit der Menschen im Ort. Ihre brennende MiG-21 nicht ins Dorf
stürzen zu lassen, sondern bis zuletzt zu einem kontrollierten Absturz zu führen, war eine zutiefst
humanistische Tat. Eine Tat, die von Mut, Verantwortungsbewusstsein und Menschlichkeit getragen
wurde.
Solche Entscheidungen verschwinden nicht im Nebel der Geschichte. Sie prägen das moralische
Fundament, auf dem wir stehen. Und gerade heute, in einer Zeit, in der historische Fakten
zunehmend verzerrt, relativiert oder bewusst umgedeutet werden, ist es unsere Aufgabe, an dieses
zutiefst vom Humanismus geprägten Einsatz dieser beiden Piloten zu erinnern. Erinnerung ist kein
Ritual – sie ist ein Schutzraum gegen das Vergessen und gegen die politische Instrumentalisierung
bzw. auch Umdeutung von Geschichte. Wenn wir heute hier stehen, gehört es auch zur historischen
Wahrheit, dass die Sowjetarmee maßgeblich zur Befreiung Deutschlands vom Faschismus
beigetragen hat. Millionen sowjetischer Soldaten gaben dafür im Krieg ihr Leben, um Europa von der
Barbarei zu befreien. Diese Tatsache wird heute oft verschwiegen oder verdrängt. In einem Klima
wachsender Russophobie, in dem politische Kräfte – darunter die aktuelle Merz-Regierung –
Russland zum Hauptfeind erklären, wird versucht, historische Zusammenhänge zu entwerten und die
Rolle der sowjetischen Befreier aus dem kollektiven Gedächtnis zu drängen.
Wir dürfen dem nichttatenlos zusehen.
Unsere Stimme, unsere Erinnerung, unser Engagement sind notwendig, um dem
immer wieder entgegenzutreten. Nicht aus Nostalgie, sondern aus Verantwortung. Wer Geschichte
verfälscht, öffnet Türen für neue Feindbilder und neue Konflikte. Wer hingegen die Wahrheit
bewahrt, schafft Raum für Verständigung, Frieden und Respekt. Heute ehren wir zwei Flieger, die ihr
Leben gaben, um andere zu retten. Wir ehren aber auch die Millionen, die Europa vom Faschismus
befreiten. Und wir bekräftigen unseren Anspruch: gegen das Vergessen, gegen die Verfälschung der
Geschichte, gegen neue Feindbilder, für ein friedliches Zusammenleben unsere Stimme zu erheben.
Und dieses Zusammenleben in Deutschland, in Europa funktioniert nur mit Russland und nicht
ohne! Möge dieses Ehrenmal Ein Ort bleiben, an dem Mut, Menschlichkeit und historische Wahrheit
sichtbar bleiben- an dem sich Menschen versammeln, die den Willen zu Dialog und
Völkerverständigung unterstützen und ihr friedenspolitisches Handeln stets davon leiten lassen.
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!
Anja Mewes, Friedensglockengesellschaft Berlin e.V. und stellv. Vorsitzende von ISOR e.V.
Redebeitrag zum 60. Jahrestag des Absturzes bei Syhra, 18.10.2026
